Wie geht man mit Behinderten um?


Darf man einem Blinden über die Straße helfen? Wie redet man mit einem Gehörlosen? Menschen mit einer Behinderung erzählen, wie sie behandelt werden möchten und was sie nicht mögen.

Viele fühlen sich in Gegenwart von Behinderten unwohl, weil sie nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen. Wir haben neun Menschen mit Behinderung gefragt.


„Machen Sie es bloß nicht triefig“, sagt Brigitta Rohr. „Dann verklage ich Sie.“ Fröhlich grinst sie mich an. Die 48-Jährige sitzt in einem Rollstuhl, der sich per Knopfdruck hochfahren lässt wie ein Zahnarztsessel. Ihre Arme sind extrem verkürzt, an beiden Händen fehlen die Daumen. Die Beine sind kaum länger als der Unterarm eines Erwachsenen. Der rechte Fuß musste amputiert werden, als Brigitta Rohr zehn Jahre alt war. Mit dem Verlust des Fußes hat sie zu leben gelernt, auch wenn sie den „als vierte Hand prima gebrauchen könnte“.
Brigitta Rohr, im Juli 1962 mit massiven Contergan-Schäden im inzwischen geschlossenen Kölner St.-Anna-Krankenhaus zur Welt gekommen, ist eine von neun Menschen mit Behinderungen, die auf den folgenden Seiten des Magazins zu Wort kommen. Die meisten von ihnen sind Frauen, was keine Absicht ist, sondern vielmehr davon zeugt, dass sie eher als Männer bereit sind, sich mit der eigenen Behinderung auseinanderzusetzen. Freimütig erzählen sie davon, wie es ist, einen Körper zu haben, der anders ist als der der meisten Menschen. Der über einen Sinn weniger verfügt. Der nicht hören, unzureichend sehen oder sich nur mit Mühe bewegen kann. Der durch einen Unfall oder den Kunstfehler von Ärzten ein Gliedmaß eingebüßt hat. Der ungewöhnlich aussieht, weil die Mutter während der Schwangerschaft das Schlafmittel Contergan nahm, welches das Kind schon im Mutterleib schädigte.
Kopf-Barrieren auf beiden Seiten.


Und sie erzählen davon, wie es ist, sich mit diesem „anderen“ Körper unter Menschen zu bewegen, die keine offensichtlichen Behinderungen haben. Klappt das Miteinander, oder wird es beherrscht von Unsicherheit, Misstrauen und Vorurteilen? Gibt es - auf beiden Seiten - Barrieren im Kopf, die das Verständnis erschweren? „Der Behinderte weicht von den gesellschaftlichen Erwartungen ab“, schreibt der Soziologe Günther Cloerkes in seinem Buch „Soziologie der Behinderten“. Das schaffe eine „unsichtbare Linie, die Behinderte und Nichtbehinderte voneinander trennt“. Die Folge sind unter anderem Schuldgefühle bei den Nichtbehinderten, eine „Verhaltensunsicherheit mit Vermeidungstendenzen“ und, schlimmstenfalls, die Stigmatisierung der Betroffenen.


Das zu ändern hat sich die 2006 verabschiedete UN-Konvention „über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ vorgenommen. Seit einem Jahr ist sie auch in Deutschland in Kraft. Darin heißt es: „Die Vertragsstaaten verpflichten sich, in der gesamten Gesellschaft das Bewusstsein für Menschen mit Behinderungen zu schärfen.“ Wie bitter das nötig ist - auch das zeigten die Gespräche mit unseren Protagonistinnen und Protagonisten.

 

Was hilft, was beleidigt?
Eine große Unsicherheit prägt den Umgang zwischen Menschen mit und Menschen ohne Behinderung. Welche Äußerungen beispielsweise verletzen jemanden, der im Rollstuhl sitzt, obwohl - oder gerade weil - die Worte als Ausdruck von Mitleid gemeint sind? Darf man einen Menschen, der nichts sehen kann, über die Straße geleiten, ohne ihn vorher zu fragen? Fragen, die unsere Interviewpartner kundig beantworten.


Die Berichterstatterin, obwohl die Schwester eines gehörlosen Bruders, erfuhr im Verlauf der mehrwöchigen Recherchen am eigenen Leib, welche Berührungsängste gegenüber Menschen mit Behinderungen auch in ihrem Kopf stecken. Da war beispielsweise jene Brigitta Rohr, die so gerne lacht und jede „Triefigkeit“ ablehnt. Die 48-Jährige lebt allein in einer hellen, sonnengelb gestrichenen Zwei-Zimmer-Wohnung am Rande von Köln. Wir treffen uns morgens gegen zehn Uhr bei ihr zu Hause, und sie bietet der Besucherin einen Cappuccino an. „Suchen Sie sich einen Becher aus“, sagt sie und weist mit ihrer kleinen Hand hinauf zum Wandschrank. Dort steht eine Brigade von Kaffeebechern und lädt ein zur freien Auswahl. Doch wohin mit dem Becher? Kann Brigitta Rohr ihn allein festhalten, wenn man ihn ihr reicht? Braucht sie Hilfe, um das kochend heiße Wasser in die Tasse zu gießen, oder schafft sie das alleine? Jede dieser Fragen hätte man Brigitta Rohr ganz unbefangen stellen können - wenn man denn gewusst hätte, dass ein „glotzender Blick“ sie viel mehr verletzt als eine vermeintlich dumme Frage, die aus Unsicherheit resultiert.

 

„... man hätte das doch wissen müssen!“
Oder Marisa Sommer, 49 Jahre alt, verheiratet, eine Tochter. Begleitet von Schäferhund Paul, einem ausgebildeten Blindenführhund mit klugen Augen, steht sie ein wenig verloren mitten im Büro des Kölner „Blinden- und Sehbehindertenvereins“. Ihr Blick scheint an der Besucherin vorbeizugehen. Sie streckt die rechte Hand vage in den Raum, eine Begrüßung, die seltsam unpersönlich wirkt. Ihr Gesicht ist ernst, mein Begrüßungslächeln bleibt unerwidert. Ist schon jetzt, bevor ein Wort gefallen ist, etwas schiefgelaufen zwischen uns? Zögernd ergreife ich ihre Hand, überrascht von ihrem festen Griff und ihrem spontan aufflammenden Lächeln. „Ich weiß nie, wo genau sich jemand im Raum befindet“, erklärt sie später. „Also kann ich demjenigen auch nicht gezielt die Hand reichen. Und mit der üblichen Mimik und Gestik“ - um Himmels willen, man hätte das doch wissen müssen! - „damit kann ich nun wirklich nichts anfangen.“


Auch Elsbeth Dölz sorgt für Unsicherheit. Der 67-Jährigen fehlt das rechte Bein. Knapp unterhalb der Hüfte wurde es ihr vor acht Jahren amputiert. Seitdem trägt sie eine Prothese; ein elektronisches Knie - 25 000 Euro wert - verleiht ihrem Gang den nötigen Schwung. Jeden Morgen geht sie eine Stunde schwimmen. Sie ist Mitglied im Fitness-Club und demnächst, wenn die Prothese endlich optimal sitzt, will sie wieder aufs Laufband. Sie erzählt gern von ihren Aktivitäten, während nebenan in der Küche eine Hühnerbrühe auf dem Herd köchelt. Es ist gemütlich in ihrer Wohnung. Helle Polster, bunte Kissen. Im Regal stehen kleine Clownsfiguren, auf einem Beistelltisch sitzen zwei dickbäuchige Buddhas.
„Mitleid hilft mir nicht“
Und doch möchte man sagen, dass es einem leidtut. Die Sache mit der verpfuschten Operation und dem Bein, das sie nicht hergeben wollte. Dieser Umzug in einen anderen Stadtteil von Köln, weil sie dort, wo sie ein Leben lang zu Hause war, als Frau mit nur einem Bein nicht akzeptiert wurde. Doch da sagt Elsbeth Dölz zum Glück, dass Mitleid so ziemlich das Letzte ist, was sie abkann. „Mitleid hilft mir nicht. Wächst mir davon ein neues Bein?“
Akzeptiert uns, wie wir sind! Das sagten alle neun Frauen und Männer, mit denen wir sprachen und die wir baten, uns zu sagen, wie wir mit ihnen und ihren Behinderungen umgehen sollen. Entmündigt uns nicht, sondern redet mit uns, wenn ihr etwas über uns wissen möchtet. Helft uns, wenn wir euch darum bitten, statt uns anzustarren wie Exoten, denn nur unsere Hülle ist anders als eure. Vor allem: Behandelt uns so, wie auch ihr behandelt werden wollt. Behandelt uns wie Menschen.


Tom Auweiler, ein junger Mann aus unserem Verein, kam auch zu Wort


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„Ich möchte, dass man mich so behandelt, als wäre ich nicht behindert“
Tom Auweiler, 22 Jahre, Down-Syndrom

 

Ich bin 22 und arbeite in Refrath in einer Behindertenwerkstatt. Wir verpacken Kaffee, Kakao und solche Sachen. Das macht Spaß. Früher bin ich in Moitzfeld zur Fröbelschule gegangen. Das ist eine Schule für Behinderte. Wir haben alles außer Englisch gelernt: Rechnen, Lesen, Schreiben. Im Lesen und Schreiben bin ich nicht so gut. Ich habe nicht genug aufgepasst.
In meiner Freizeit tanze ich gern. Ich gehe jeden Donnerstag in die Tanzschule. Mein Kurs ist nur für Behinderte. Wir machen Hip-Hop, die anderen machen Standardtanz. In der Tanzschule haben wir keinen Kontakt zu den Nichtbehinderten. Die unterhalten sich nur miteinander, und wir unterhalten uns auch ein bisschen. Über Sport und so.
Ich singe gern und spiele E-Gitarre. Ich hatte zwei Jahre lang Unterricht bei einem Lehrer. Mein Traum ist es eigentlich, berühmt zu sein. Eigentlich! Ich möchte auf der Bühne stehen und singen. Aber ich glaube, das wird nicht passieren. Früher, als ich klein war, war ich im Krankenhaus. Die Zunge war zu lang. Also haben sie mir die Zunge ein Stück abgeschnitten und wieder zugenäht. Deswegen kann ich nicht gut sprechen.


Ich möchte, dass die Menschen mich normal behandeln. Mein Bruder hat Freunde. Die behandeln mich als nicht behindert. Das ist gut. Einmal war ich mit einer Gruppe von Behinderten unterwegs. In unserem Bus waren auch andere Jugendliche. Die waren nicht behindert und haben uns beleidigt. Alle! Ich habe das nicht gemerkt, weil ich Kopfhörer auf hatte, aber ein Freund hat es mir erzählt. Später haben wir die Jugendlichen noch mal wieder getroffen, und alle haben sofort die Fäuste geballt. Aber so etwas Schlimmes ist zum Glück nur ein Mal passiert.

 

Quelle: KStA Magazin, von Petra Pluwatsch, 25.01.11, 12:42h

 

Alle Interviews unter:
www.ksta.de/html/artikel/1295855880277.shtml

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