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Ein vielseitiges Beschäftigungs-projekt für Menschen mit Behinderung wird 25 Jahre alt

Über den Straßen hängt tiefer, kalter Nebel. Malerisch reihen sich Weiler und Höhenlandschaften aneinander. Das Hohe Venn zieht auch im Herbst viele Wanderer an, nur wenige fahren jedoch weiter Richtung Verviers, eine lebhafte Provinzstadt. Verlässt man in Heusy die Straße mit den dichten, hohen Buchenhecken, tut sich dem überraschten Auge eine sanfte Hügellandschaft auf, so weit die Blicke reichen.

Dort befindet sich „La Fermette“, ein Arbeits- und Bildungszentrum für Menschen mit Down-Syndrom, das in diesen Tagen seinen 25. Geburtstag feierte. Betritt man das bungalow-ähnliche Gebäude mit einer funktionellen Architektur aus Holz, Glas und Ziegelsteinen, wird man sofort von der gemütlichen Atmosphäre eingefangen.

Begonnen hatte alles vor drei Jahrzehnten, als sich Annie Krings, Berufsschullehrerin, Geschäftsfrau und
Mutter von Vincent, einem jungen Burschen mit Down-Syndrom, nicht mit den Möglichkeiten, die Menschen mit Down-Syndrom damals geboten bekamen, zufrieden geben wollte. Sie fand Gehör bei den Politikern, sie wusste aber vor allem ein Team von fähigen Pädagogen und Mitarbeitern für ihre Ideen zu gewinnen.

Daraus entstand unter anderem „La Fermette“, ein wohlüberlegtes Projekt, das tagsüber 30 Personen, die meisten mit Down-Syndrom, Arbeit, Bildung und Entspannung bietet.  Leitgedanke ist seit 1982 jedem Menschen die Möglichkeit zu geben, durch seine Arbeit sein Selbstwertgefühl zu steigern und in Würde zu leben.
Die Mitarbeiter sollen nicht nur die berufsspezifischen Verhaltensweisen und Handgriffe, sondern auch den gesellschaftlichen Nutzen und die Wertstellung ihrer Arbeit kennen lernen. Auch Verwandte und Bekannte sollen sich bewusst werden, dass die Arbeit des  behinderten Menschen tatsächlich wertvoll ist. Das Anliegen des Projektes ist es deshalb, den Menschen individuell und respektvoll zu begegnen, welche Eigenarten sie auch immer haben mögen.

Menschen mit einer Behinderung brauchen mehr Zuwendung und Ermutigung, nicht nur von der Familie, sondern gerade auch am Arbeitsplatz. Das Betreuungspersonal hinterfragt deshalb immer wieder, welche die Bedürfnisse des einzelnen Mitarbeiters sind. Arbeitsaufwand,  Freizeit- oder Weiterbildungsmaßnahmen, auch lesen oder angemessen kommunizieren lernen zum Beispiel, orientieren sich an den Mitarbeiter in seiner gesamten Persönlichkeit. Die Unterschiede im Behinderungsgrad, im Alter, in der Herkunft, in den Neigungen oder in der Motivation sind manchmal sehr ausgeprägt. Die angebotenen Tätigkeiten müssen diesen Unterschieden gerecht werden. Das Arbeitsangebot ist deshalb sehr vielseitig.

Die Dienstleistungen und hergestellte Produkte orientieren sich an der Nachfrage aus dem örtlichen, ländlichen Markt. Sie sind saisongebunden und das Ergebnis regelmäßiger Marktuntersuchungen, vor allem aber bieten sie jedem die Möglichkeit zur Entfaltung seiner Talente.
 
Die Herstellung von Produkten, egal ob Kürbissuppe, Tiefkühl-Lasagne, Ziegen-käse oder Keramikschüssel orientiert sich nicht nur an wirtschaftlichen Aspekten, sondern auch an der Belastbarkeit der Mitarbeiter.

Die Produkte werden auf den örtlichen Wochenmärkten verkauft oder nach Hause geliefert. So lernen die Mitarbeiter auch, dass ihre Arbeit die Antwort auf einen Bedarf des Kunden ist und dass sie geschätzt wird.

In diesem Projekt dreht sich alles um die Person mit ihren besonderen Fähigkeiten und Bedürfnissen. „Apporter un maximum de réponses aux demandes“ – Die Wünsche und Erwartungen der beschäftigten Person soviel wie möglich erfüllen, ist ein Hauptziel. Deshalb ist das Arbeits-, Bildungs- und Freizeitangebot so vielseitig und variabel.
 
Fruchtsaft herstellen, Aromatisches Öl oder Essig  herstellen Marmelade zubereiten, Suppen, Quiche, belegte Brötchen, beliebte Fertiggerichte usw. oder Pizza, Lasagne, Gebäck herstellen.

Die Arbeitsmaßnahmen berücksichtigen die Verschiedenheit der Menschen sowohl was ihren sozialen oder kulturellen Hintergrund anbetrifft, als auch ihre Motivationsfähigkeit, Ausdauer oder sonstigen Bedürfnisse. Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig und abwechslungsreich: auf dem Bauernhof, in der Käserei, im Stall ...

Schulklassen die Tätigleiten auf dem Bauernhof erklären, ist Integrationsarbeit in umgekehrte Richtung: Der behinderte Mensch holt die „normale Welt“ zu sich. Während der Ferien oder am Wandertag können die Schulklassen aus der Umgebung hier an Workshops teilnehmen und so die Arbeit auf dem Bauernhof kennen lernen.

L’intégration est une rencontre réciproque de la société avec la différence,
de la personne différente avec la société.

(Integration ist die wechselseitige Begegnung zwischen der Gesellschaft und der Verschiedenheit, zwischen dem besonderen Menschen und der Gesellschaft.)
Einige Freizeitaktivitäten finden auf dem Gelände der Fermette statt. Oft geht es jedoch ins Umland oder in die Stadt z. B. zum Schwimmen oder zum Fitness. Wo ein integrativer Rahmen möglich ist, wird dieser angeboten. Es wird jedoch keine Integration um jeden Preis betrieben. Es wird viel Wert auf eine respektvolle Begegnung der Menschen mit Down-Syndrom gelegt. Sie selbst sollen sich ebenfalls integrationsfähig zeigen und auch mit anderen Menschen mit Behinderung umgehen können, denn es wird vor allem versucht, den Menschen mit Down-Syndrom aus der Isolation zu holen oder ihn davor zu bewahren. Entsprechend spielt das Leben in einer Gemeinschaft bzw. die Kontaktfähigkeit zu Menschen mit und ohne Behinderung eine übergeordnete Rolle.

Im Hinblick darauf wurde 1993 das Beschäftigungsprojekt „La Fermette“ um „La Glanée“, eine stilvolle, alte Villa in einem Baumbestandenen Garten in Stadtnähe ergänzt. Hier können 15 Erwachsene betreut wohnen. Die Nähe zu Verviers erfolgte auf ausdrücklichen Wunsch der künftigen Bewohner, da die Stadt mit ihrer Vielfalt an Freizeitmöglichkeiten leicht erreichbar sein sollte.

Im Rahmen der Fermette wird für jeden Mitarbeiter einen Lebensentwurf, ein projet de vie, geplant, an dem in erster Linie die Person selbst aber auch seine Verwandten oder pädagogische Mitarbeiter teilhaben, damit jeder hier seinen eigenen Platz findet. Es werden Ziele festgelegt und die Mittel definiert, diese zu erreichen. Durch den Kontakt der Partner untereinander  kann die Verwirklichung dieser Ziele regelmäßig überprüft und angepasst werden. Fortschritte werden bewertet und die beruflichen, Bildungs- und Freizeitmaßnahmen werden entsprechend gestaltet.

Wer von  einer beruflichen Beschäftigung für Menschen mit eingeschränkten Fähigkeiten träumt, die ihnen Entfaltung, Freiraum und Bestätigung bieten, sollte einmal ins Hohe Venn fahren. Die Reise lohnt sich in vieler Hinsicht.

Monique Randel