Der Originalbericht von Palma von 1993

application/pdf Originalbericht Palma 1993 klein.pdf (867,7 kB)

Gestern und Heute

Vor 15 Jahren fand die erste internationale Tagung in Palma auf Mallorca, organisiert von ASNIMO und der European Down Syndrome Association, statt. Für mich war es damals eine kleine Offenbarung, denn zum ersten Mal wurden konkret die Vorgänge im Gehirn, oder  Zentralnervensystem, als ein Schlüssel zum besseren Verständnis der Menschen mit Down-Syndrom dargelegt. Erkenntnisse, die heute fast banal sind und von jungen Eltern mit einem Klick im Internet nachzulesen sind.
Studenten der heutigen Generation mag es fast unglaublich erscheinen, dass das Down-Syndrom an deutschen Fakultäten (die Heilpädagogische Fakultät in Köln bildete eine rühmliche Ausnahme) vor 20 Jahren in Vorlesungen für Psychologen oder Pädagogen kaum Erwähnung fand. Umso erfreulicher ist es, dass die Universitäten in Deutschland allmählich zu diesem (aus psycho-biologischer Sicht) faszinierenden und spannenden Behinderung erwachen.
 
Frühförderung beim Down-Syndrom und anderen Entwicklungsstörungen
Bericht des Symposiums auf Palma de Mallorca, vom  21.  – 23. November 2008


In jeder Sekunde unserer Existenz sind wir auf das richtige Funktionieren unseres Gehirns angewiesen und doch wissen wir so wenig darüber. Wenn Kinder Entwicklungsschwierigkeiten haben, wenn Heranwachsende Verhaltensprobleme oder Erwachsene Persönlichkeitsstörungen zeigen, liegt zumindest einer der Schlüssel zur Heilung in einem besseren Verständnis ihrer Gehirnfunktionen. Es ist deshalb logisch, wenn auf der diesjährigen Tagung in Palma, die sich der Förderung von Kindern mit Down-Syndrom und anderen Entwicklungsstörungen widmete, neurobiologische Vorgänge eine wichtige Rolle zukam. Es spricht vieles dafür, dass ein besseres Verständnis der abweichenden Strukturen und Funktionen und deren Bedeutung für die Psyche der Menschen mit Down-Syndrom auch zu einem produktiveren Leben, in dem sie mehr an der Gemeinschaft teilhaben können, führen kann.

Auf Erfahrung gestützte Förderung in der Familie gefordert
Prof. Juan Perera Mallorca, wies in seiner Eröffnungsansprache darauf, dass Frühförderung bei Kindern mit Down-Syndrom Vorbildfunktion für Kinder mit anderen Entwicklungs-problemen haben kann, um Verzögerungen in ihrer Entwicklung möglichst zu vermeiden und eine spätere Abhängigkeit von der Gesellschaft zu verringern. Es sei längst nachgewiesen, dass Früh-förderung kurzfristig deutliche Erfolge bringe, wenn sie von einer multidisziplinären Herangehensweise ausgeht und sich positive Erfahrungen zunutze macht.
Bislang sei der Nachweis eines langfristigen Nutzens aber schwierig. Menschen mit Down-Syndrom und anderen Formen geistiger Behinderung führen trotz allen Anstrengungen als Erwachsene meist ein Leben in Abhängigkeit. Perera forderte wie andere Sprecher daher, die Förderung spezifisch auf die Bedürfnisse der Kinder abzustellen und dabei nur die Ansätze zu nutzen, die sich als wirklich erfolgreich gezeigt hätten. Außerdem sollten die Familien noch enger einbezogen werden. Allerdings dürften weder die Familien noch die Kinder über einen Kamm geschoren werden, Förderung müsse alle Beteiligten und ihre Besonderheiten berücksichtigen. Multidisziplinarität bedeutet nicht nur die klassischen Disziplinen wie Physiotherapie oder Sprachtherapie einzubeziehen, sondern auch sich auf Erkenntnisse aus der Medizin, dem Environmental Enrichment (eine angebotsreiche Umgebung) , der Neurowissenschaften, der Genetik und Molekulargenetik und sogar der Pharmakologie zu beziehen, auch wenn gerade Letztere aufgrund der sehr dürftigen Forschungsergebnisse und der Gefahr, dem Kind zu schaden, noch sehr umstritten sind.

Genetik und Molekularbiologie: Ausgangspunkt für die Erforschung von Gedächtnis und Lernen
Mehrere Vorträge befassten sich mit trisomischen Mauszüchtungen im Labor, deren Hirnentwicklung, meta-bolischen Vorgängen im Zentral-nervensystem und Lernverhalten.
Gerade diese Vorträge waren von einem hohen wissenschaftlichen Gehalt und für den Laien nicht immer einfach zu verstehen. Mutante Mäuse stellen ideale Systeme dar, um komplexe Syndrome oder neuro-degenerative Erkrankungen, bei denen Gene verändert sind, verstehen zu lernen. Hierbei spielen Umwelt-einflüsse häufig zusätzlich eine Rolle spielen. Anhand der Mausmodelle wird versucht Möglichkeiten der Therapie zu finden.
 Wer aber einmal die ungeheure Komplexität der biochemischen Prozesse in einer einzelnen Hirnzelle einer Maus plastisch vor Augen geführt bekommt, wird für immer verstanden haben, dass sich das Down-Syndrom nicht so einfach mit einer Pille oder einzelnen chemischen Substanz kurieren lässt .
 


tl_files/edsa/2010/grafik-gestern-und-heute.jpg
Mausmodelle des Down Syndroms: partielle  Trisomie-  bzw. Einzel-Gen Modelle, unten Mausmodelle mit der Ts65Dn-Maus (Universität Paris Diderot). Oben Abschnitte des menschlichen Chromosoms 21 (HSA21).
 

 

 

Prof. Delabar, Paris, erläuterte als erster die verschiedenen genetisch manipulierten Mausmodelle, in deren Erbgut einzelne bzw. mehrere Gene eingeschleust wurden, die mit Genen auf dem menschlichen Chromosom 21 vergleichbar sind.  Bei der Entwicklung dieser Versuchstiere, wird geschaut, wie sie sich für Aufgaben in bestimmten Lern- oder  Verhaltens-situationen eignen. Das zurzeit am Besten studierte Modell ist die Ts65Dn-Maus. Die Strategie, die weltweit in den Labors verfolgt wird, zielt darauf, die zusätzliche Menge an Proteinen, die durch das dreifach vorhandene Chromosom 21 entstehen, zu untersuchen und letztendlich die negativen Effekte eventuell zu regulieren oder einzudämmen.
Prof. Delabar sprach einige der getesteten Substanzen an, wobei er nachdrücklich betonte, dass nicht von der Maus auf den Menschen geschlossen werden kann.
So soll Memantine  die überhöhte Angstreaktion auf bestimmte im Labor antrainierte Angstauslöser auf Normalwerte zurückführen, die Mäuse erleiden jedoch häufiger epileptische Anfälle.
Abeta (das Beta-Amyloid-Peptid) ist an der Entstehung der Alzheimer Krankheit beteiligt und kann auch sehr früh bei Menschen mit Down-Syndrom nachgewiesen werden. Hoffnungsvoll schien zunächst die Entdeckung, dass die Abeta-Produktion verringert bzw. ihre Abbaurate medikamentös (durch eine Immunisierung oder Impfung) erhöht werden kann, jedoch musste bei der Alzheimer Krankheit festgestellt werden, dass auch wenn die Abeta-Ansammlungen abgebaut werden konnten, der geistige Verfall nicht aufgehalten wurde. Eine Immuni-sierung mit Abeta (42) ist laut Delabar noch nicht an Menschen mit Down-Syndrom bzw. bei der Ts65Dn-Maus getestet worden.
Piracetam oder Donepezil, die in den letzten Jahrzehnten häufig im Gespräch waren, scheinen ebenfalls keinen positiven Einfluss auf Lernen und Gedächtnis bzw. Motorik zu haben und sind außerdem nicht ohne (teils erhebliche) Nebenwirkungen.
Vor Antidepressiva (Serotonin-Wiederaufnahmehemmer etwa Fluoxetin oder Prozac) warnte Prof. Delabar wie später auch Dr Pattersson nachdrücklich. Im Hippocampus (Langzeitgedächtnis) von Versuchs-tieren fördern sie zwar die Entstehung neuer Hirnzellen  (Neurogenese), aber sie können im Embryonalstadium zu einem geringeren Hirnvolumen führen und ihr Einfluss auf das sich entwickelnde Hirn eines Kindes ist unbekannt. Serotonin-Wiederauf-nahmehemmer können aber u. a. zu vermehrter Tumorbildung führen.
In den Medien werden regelmäßig weitere Wirkstoffe besprochen, die die geistige Leistung verbessern können. Solche Berichte und vorläufige Testergebnisse z. B. bei den Mausmodellen lassen Eltern, und auch Fachleute, in der verständlichen Hoffnung ihren Kindern zu helfen, immer wieder zu den angesprochenen Mitteln greifen lassen. Ohne ausreichende Testergebnisse beim Menschen und ohne die Begleitung eines seriösen Arztes sollten Eltern wissen, dass sie ihrem Kind schaden können.
Einen kleinen Hoffnungsschimmer sah Prof. Delabar bei den Polyphenolen, etwa in grünem Tee enthalten. Polyphenole können offenbar die negativen Effekte beim Lernen, die von einer Überexprimierung des Gens DYRK1a ausgehen, eindämmen. Allerdings müssen Mäuse bis zu 5 Liter täglich trinken, damit sich einen Nutzen messen lässt. Prof. Delabar schloss: Wenn eine Substanz nicht an Mäusen getestet wurde, sollten sie nicht beim Menschen getestet werden. Wenn sich bei der Maus keinen Nutzen zeigt, ist der Stoff wahrscheinlich auch für den Menschen nutzlos.

Bewegung, Sozialkontakte und ein vielfältiges Lernangebot fördern die Entwicklung –
Stress verhindert Lernen

Dr. Golabek, New York, befasste sich ebenfalls mit der Ts65Dn-Maus. Obwohl das Down-Syndrom seit Jahrzehnten intensiv untersucht wird, konnte die molekulare Basis der geistigen Minderbegabung noch immer nicht entschlüsselt werden. Wir wissen, dass viele Makro- und Mikrostrukturen des Zentral-nervensystems weniger entwickelt sind. Dazu gehören u.a. das Frontalhirn, dass die Exekutiv-funktionen vermittelt, der Hippo-campus, der an Langzeit-Gedächtnis-vorgängen beteiligt ist oder das Kleinhirn, das in die Bewegungs-steuerung eingreift. Besonders wichtig für Lernen und Verhalten sind die synaptischen Strukturen. Diese weichen beim Down-Syndrom sowohl was ihre Struktur, ihre Funktion als auch in Bezug auf ihre biochemischen Prozesse von der Norm ab. Unter Laborbedingungen zeigt sich, dass Mäuse, die in einer angebotsreichen Umgebung (mehr Bewegung, Sozialkontakte und ein besseres Lernangebot) gehalten werden, sich in vielfacher Hinsicht besser entwickeln. Sie zeigen weniger abweichendes Verhalten, ihr räumliches Gedächtnis verbessert sich. Auch Zellstrukturen, die Synapsenbildung, die synaptische Übertragung und die glutaminerge Wirkung  werden verbessert. Diese Labordaten zeigen demnach eine deutlich positive Wirkung auf molekulare Abweichungen und können als Modelle für Menschen mit Down-Syndrom gesehen werden. Allerdings scheinen sich diese positiven Effekte bei männlichen Mäusen auch ins Negative zu verkehren. Die Erklärung lautet, dass männliche Mäuse in der relativen Enge der Käfige gehalten, erheblich mehr Stress unterliegen zum Beispiel in Form von Machts- oder Gebietsansprüchen, was bei den sozial orientierteren Weibchen nicht der Fall scheint. Dies wurde als deutlicher Beweis gesehen, dass negativer Stress, wie er zum Beispiel auch entsteht, wenn Eltern zuviel fördern und fordern, das Lernen negativ beeinflusst. Dies wurde auch noch einmal von Prof. Florez, Universität Cantabria, bestätigt, der besonders die neuroplastischen Auswirkungen einer angebotsreichen Umgebung bei seinen Labormäusen schilderte.

Dr Patterson, Denver, widmete sich der Entwicklung des Gehirns und den damit verbundenen metabolischen Prozessen in der Hirnzelle. Die Ernährung während der Schwanger-schaft hat einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung des Zentralnervensystems. So ist bekannt, das die Aufnahme von Foliumsäure vor und während der Schwangerschaft Schäden (z. B.  offener Rücken oder Lippen-Gaumenspalte) am Neuralrohr, aus dem sich das Gehirn als erstes entwickelt, verhindern kann. Es ist noch unklar, wie sich das beim Down-Syndrom verhält. Vermutlich müsste, um eine Trisomie zu verhindern, die Folsäure von der Großmutter eingenommen werden, da sich die Eizellen der Mutter bereits vor ihrer Geburt entwickeln.
Prof. Patterson besprach weitere Metaboliten und ihren möglichen Einfluss auf die embryonale Hirnentwicklung der trisomen Mäusen, etwa Cholin , inositol, Cholesterin, Betain usw. an, die durch sehr komplexe Stoffwechselvorgänge ebenfalls die Hirnentwicklung beein-flussen. Aus diesem Grund werden, wie bereits besprochen, unzählige Versuche unternommen, durch Nahrungsmittelergänzungen die Ent-wicklung beim Down-Syndrom zu verbessern. Es lässt sich bislang aber kaum objektiv feststellen, ob sie von Nutzem sind. Dies liegt zum teil daran, dass umfassende Studien über den Einfluss des Down-Syndroms auf sämtliche Stoffwechselvorgänge fehlen. Dr. Patterson erhofft sich, wie die vielen Forschern, die sich auf diesem Gebiet betätigen, künftig bessere Einsichten und Erfolge durch vertiefte Analysen des Hirnstoff-wechsels bei Maus und Mensch.

Prof. Burack, Jerusalem, erinnerte in seinem Vortrag an die Entwicklungs-theorien u. a. von Piaget und Werner mit ihrem Schwerpunkt auf Entwicklungsschritte, auf das Kind als sich selbst strukturierende und konstruierende Ganzheit sowie an den Einfluss der Umgebung, der sozialen Beziehungen und der Persönlichkeits- und motivationalen Faktoren als wichtige Schrittmacher der kindlichen Entwicklung. Entwicklung ist sowohl ein universeller als auch äußerst komplexer, individueller Vorgang, Kinder mit Down-Syndrom bilden da keine Ausnahme. Dies zeigt sich sowohl unter Laborbedingungen als auch in der Realität. Auch er unterstrich die besonderen Entwicklungsprofile unterschiedlicher Behinderungsarten.
Sprachentwicklung beim Down-Syndrom bereits vorgeburtlich gestört?
definieren, beleuchtete insbesondere die vorgeburtliche sowie die neugeborenen Entwicklung.
Lange vor der Geburt wird das kindliche Gehirn, insbesondere durch die Prosodie (die Musik) der mütterlichen Sprache auf die Aufnahme und das Erlernen der Muttersprache vorbereitet. Bedrückend, so Rondal, ist die Tatsache, dass wir so gut wie nichts über die entsprechenden Fähigkeiten beim Down-Syndrom wissen. Die kindliche Entwicklung und die Sprachentwicklung stellen einen äußerst komplexen und kumulativen Prozess dar. So lange wir wenig darüber Wissen, wie Föten und Neugeborene Sprache verarbeiten, kann auch keine zielgerichtete und adäquate Sprachförderung durch-geführt werden. Das vorsprachliche Wissen könnte bei Babys mit Down Syndrom eingeschränkt sein, denn sie zeigen nicht die gleiche Aufmerksamkeit bei Sprachlauten, ihr Gehirn verarbeitet auditive Reize möglicherweise verzögert und sie werden rechtsseitig statt wie üblich linksseitig verarbeitet. Dies zeigt sich u. a. bei akustisch evozierten Hirnstammpotentialen. Dies sind nur einige der bereits bekannten neurologischen Probleme. Was ist denn zu tun, wenn wir so wenig darüber wissen, wie Kleinkinder mit Down-Syndrom Sprache lernen?
Prof. Rondal schlägt einige

Prof. Rondal, Lüttich, der seit vielen Jahrzehnten die Sprachentwicklung von Kindern mit Down-Syndrom erforscht und maßgeblich dazu beigetragen hat, das typische Profil zu
Maßnahmen vor (siehe Kasten), die seiner Meinung nach möglichst breit angelegt sein sollten und sich nicht auf das Anbieten eng gefasster Programme oder Materialien beschränken sollten.
 


Frühkindliche Sprachförderung: ein äußerst komplexer, kumulativer Prozess
-    Verstärkung natürlicher Sprachlaute und sprachlicher Interaktionen
-    Mindestens eine halbe Stunde täglich mit dem Kind „sprechen“ (Optimierung der Quantität), Verlangsamung des Sprachrhythmus ohne Änderung aber Betonung der Satzmelodie und Erhöhung der Stimmlage (Optimierung der Qualität)
-    Beim Anbieten eines „Dialogs“ (mamma, tatata..) dem Baby längere Zeit zum reagieren lassen
-    Verstärkung von Vorwörtern, z. B. brumm-brumm, um das für die Sprachentwicklung besonders wichtige symbolische Spiel zu ermöglichen. Die Tun-also-ob-Spielchen sind für die Entstehung des Wortschatzes von entscheidender Bedeutung.
-    Lautäußerungen des Kindes, Plappern und interaktive Lautspiele sollten sprachlich und lautlich verstärkt, aktiv unterstützt und von den Eltern häufiger spontan angeboten werden.
-    Drei Formen der elterlichen Reaktion auf die kindlichen Kommunikationsversuche zeigen aus Erfahrung die besten Ergebnisse:
         - Übereinstimmung: Verständnis der Eltern der Kommunikationsabsichten und der Sprechmotivation des Kindes
               - Reaktion: Antwort auf die Kommunikationsversuche
               - linguistisches Mapping: der Erwachsene drückt sprachlich aus, was das Kind mitteilen wollte.


 

„Frühlesen“, ein möglicher Wegbereiter für Sprache?
Vielleicht, wenn viele Voraussetzungen stimmen. Wo über Frühförderung gesprochen wird, darf Prof. Sue Buckley, Portsmouth, nicht fehlen. Wenige haben wie sie die Welt bereist, um über die Entwicklungschancen der Kinder mit Down-Syndrom zu berichten. Die Forschungsarbeiten ihres Instituts sind nicht mehr zu zählen. Besonders bekannt ist sie in Deutschland als Verfechterin des Frühlesens als Mittel zur Sprach-anbahnung. Die Wirksamkeit bzw.

Sinnhaftigkeit dieser Methode bleibt aber umstritten, auch wenn, wie auch in diesem Symposium, eher abseits der Vorträge darüber diskutiert wird.
Es besteht kein Zweifel, dass die erforderlichen neurologischen Strukturen und Netzwerke, die Brücke zwischen Sehzellen, Sprachverständnis und Sprachproduktion, um so etwas wie Lesen zu ermöglichen, im frühen Kindesalter fehlen. Positive Rückmeldungen von Eltern und Therapeuten, sind demnach vielleicht auf Begleiteffekte zurückzuführen. Sue Buckley selbst wagt sich an die Hypothese, dass Kinder mit Down-Syndrom vielleicht über ganz besondere Fähigkeiten verfügen, die sich durchschnittlich entwickelnde Kinder nicht haben. Es bleibt allerdings im Dunkeln, welche Fähigkeiten das sein sollten. Sie empfiehlt allerdings erst mit dem „Lesen“ anzufangen, wenn bereits ein deutliches Sprachverständnis vorhanden ist, das Kind über einen Wortschatz von 50 – 100 Wörter verfügt und sich das Stadium der Zwei-Wortsätze anbahnt. Die angebotenen Worte sollen immer der Lebenswelt der Kinder entnommen werden  und nicht einem vorge-fertigtem Programm. Frau Buckley zeigte dazu das Video eines 2 – 3 Jahre alten Mädchens. Dieses war in der Lage Wortkarten zuzuordnen und nach einiger Ermutigung auch zu benennen. Mir schien dieses Beispiel allerdings schlecht gewählt: Das Mädchen war kaum in der Lage sich konzentriert, den Wortbildern zuzuwenden und zeigte deutlichstes Ausweichverhalten. Die Therapeutin schaffte es, geschickt und äußerst geduldig immer wieder ihre Aufmerksamkeit und Mitarbeit zu gewinnen. Eltern, die ihr Kind durch Frühlesen zur aktiven Sprache führen möchten, sich dadurch aber überfordert fühlen, sollten m. E. getrost motivierendere Sprachspiele mit ihrem Kind machen (Siehe auch Rondal/Kasten).

Die Rolle der Eltern in der Frühförderung stärken
Wie ein roter Faden zog sich die Wichtigkeit der Förderung in der jeweiligen Lebenswelt eines Menschen, ob mit oder ohne Behinderung, durch die Vorträge. Dabei lässt es keinen Zweifel mehr, dass es nicht der Umfang, sondern die Qualität der Förderung in der Familie ist, die die Chancen auf ein glückliches und zufriedenstellendes Leben in der Gemeinschaft erhöht.
Prof. Mahoney, Cleveland, schloss den Bogen zu Juan Perera daher mit einem Plädoyer für die Frühförderung in der Familie und stützte sich dabei auf bisherige Forschungsergebnisse. Die Bindung eines Kindes an seine Mutter oder an eine andere Bezugsperson ist einer der wichtigsten Faktoren für eine ausgeglichene seelische und auch kognitive Entwicklung. Dies zeigt sich bereits im ersten Lebensjahr. Die Kompetenzen im Vorschulalter zeigen wiederum einen Zusammenhang mit bestimmten sozialen und kognitiven Fähigkeiten im ersten Lebensjahr; sie beeinflussen wiederum den Erfolg in den ersten Schuljahren. Dies lässt sich schließlich kontinuierlich bis in das Jugendalter nachweisen.
Wie Eltern mit ihrem Kind umgehen (responsiver Interaktionsstil –  etwa die Absichten, Interessen und Fähigkeiten des Kindes erkennen, aufgreifen und erweitern), bestimmt demnach in besonderem Maße, welche Lernfortschritte sie machen werden. Dieser Einfluss wirkt sich sogar auf Frühfördermaßnahmen aus, die nicht von den Eltern durchgeführt werden. Auch wie die Eltern die Frühförderung betrachten, bestimmt deren Effektivität. Die Unterstützung und Begleitung, die die Eltern dabei erhalten, ist von ebenso wesentlicher Bedeutung.

Erhöhte Geburtenraten in einigen Ländern

Am Rande einer solchen Tagung werden immer viele Informationen ausgetauscht, die manchmal ebenso interessant sind, wie die Vorträge selbst. So wurde der neue Down-Syndrom-Paß aus Flandern vorgestellt der ähnlich wie das gelbe U-Heft, Eltern und Ärzte erlaubt die Entwicklung des Kindes zu verfolgen. Er wurde von einem Arzt-Vater entwickelt, damit Eltern sich in der „Normalität“ der Kurven und Entwicklungsschritte wieder finden und ihr Kind nicht immer an den Kurven der Durchschnittskinder messen müssen. Ein praktischer Leitfaden, der m. E. hier Nachfolgung finden sollte.
Weitere Nachrichten, die sehr zum Nachdenken anregen, sind die extrem unterschiedlichen Geburtenraten weltweit. Vermutet man in Belgien oder Frankreich z. B. 1 Geburt eines Kindes mit Down-Syndrom auf 2000 Geburten, so sind es in Süd-Afrika oder Indonesien und Irland 1 auf 250 - 350, in Marokko laut Serghini Abdelhak, Vorsitzender des Centre Régional de la Protection Sociale, sogar 1 auf 200. Auch aus Polen werden zwar schwankende, aber doch überraschend hohe Geburtenzahlen gemeldet.
Vom 20. - 22. August 2009 findet in Dublin der nächste Weltkongress statt. Die Vorbereitungen sind im vollen Gang und es verspricht eine spannende Tagung zu werden. Vielleicht eine Gelegenheit der grünen Insel einen Besuch abzustatten uns einander in der weltweiten Down-Syndrom-Gemeinschaft zu begegnen.

Schlussbetrachtung
Was hat sich in den 15 Jahren geändert? Was ist neu? Erstaunlich wenig: Erkenntnisse die damals ansatzweise vorgestellt wurden sind heute vertieft worden, psychologische Probleme und Pädagogische Erkenntnisse scheinen besser ge-sichert, die Forschung wird intensiviert, aber die Genkartierung hat noch keine Heilmittel hervor-gebracht. Ob das Studium des Hirnstoffwechsels bei der Maus erfolgreich wird? Vielleicht wissen wir es in 15 Jahren.
Wie zahlreiche Vorträge zeigten, führt der Weg wieder weg von Programmen (dem programmierbaren Kind mit Down-Syndrom) und bekommt die Familie die zentrale Rolle, die sie in jeder Erziehung spielen sollte. Was das Kind in jungen Jahren in der Familie, in der Eltern-Kind Beziehung an Förderung, an Zuneigung und an respektvollem Verständnis erfährt, stärkt seine Lebensfähigkeit, seine sozialen und kognitiven Eigenschaften und erleichtert letztendlich seine Eingliederung in die Gemeinschaft.

Leider ist es nicht möglich, in einem solchen Bericht alle herausragenden Vorträge des Symposiums anzu-sprechen, und es bleibt nun wieder zu warten, bis das Buch mit den ausgearbeiteten Vorträgen erscheint. Bis dahin wollen wir versuchen, in den nächsten Mitteilungen weitere Vorträge zu diskutieren oder zu übersetzen.

Monique Randel-Timperman, MA Psychologie-Patholinguistik